Das Kaos-Spektrometer
Seit Dezember 2006
beschleunigt die neue Stufe MAMI-C des Mainzer Mikrotrons Elektronen
auf 1500 MeV Energie. Die Überschreitung der Schwelle für
Kaonenerzeugung hat neue Möglichkeiten eröffnet, an dieser
Präzisionsmaschine seltsame Hadronen und ihre Wechselwirkungen in
nuklearen Systemen zu studieren. Die Untersuchung von Systemen mit
Seltsamkeit liefert für die Experimente an MAMI einen
zusätzlichen Freiheitsgrad, um tieferen Einblick in die
Niederenergiestruktur der Theorie der starken Wechselwirkung (QCD) zu
gewinnen. Während die innere Struktur der Hadronen und ihre
Anregungsspektren wichtige Aspekte der QCD im Niederenergielimit
darstellen, ist es ebenso von Bedeutung zu untersuchen, wie die
Kernphysik an diese Theorie anknüpft und wie die stark gebundenen
Systeme aus dieser Theorie hervorgehen.
Das Spektrometer Kaos mit seiner kurzen Bauart dient dem Studium der
Struktur von Hadronen in (e,e'K)-Reaktionen. Ein wichtiges
Messprogramm am Kaos-Spektrometer beinhaltet die Erzeugung von Kaonen
unter Vorwärtswinkeln. In einem weiterem Programm sollen
φ-Mesonen im Inneren von Atomkernen erzeugt und über ihren
Zerfall in zwei Kaonen nachgewiesen werden. Dieses Studium erlaubt
Rückschlüsse auf quasistationäre Zustände in
kalten Kernen bei normaler Kerndichte. Die theoretische Beschreibung
eines solchen Systems stark wechselwirkender Teilchen greift Modelle
der inneren Struktur von Hadronen auf, sowie weitreichende Fragen zur
Bildung nuklearer Strukturen. Das wissenschaftliche Programm des
Projektes beinhaltet für die mittelfristige Zukunft auch die
kaon-assoziierte Produktion von Atomkernen, in denen ein Nukleon durch
ein Hyperon ersetzt wurde. Das Studium dieser so genannten Hyperkerne
kann Strukturen beleuchten, die in konventioneller Kernmaterie
verborgen bleiben; das Hyperon eröffnet die Möglichkeit, das
hadronische Vielkörperproblem selektiv zu studieren, da es nicht
dem Pauli-Prinzip unterliegt und auch tief liegende Kernniveaus
bevölkern kann.